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4 - Garnisongeschichte - Titel

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Garnisongeschichte

Der aus dem Altfranzösischen stammende Begriff „Garnison“ (engl: garrison, frz.: garnison) kann sowohl einen Ort, an dem Militär (Truppenteile, Dienststellen etc.) stationiert ist, als auch die hier „liegenden“ Truppen an sich bezeichnen. Entsprechend entwickelten sich die Begriffe „Garnisonort“ und „Garnisonstadt“ für Orte bzw. Städte, die „Standorte“ (heute gebräuchlicher) von Militär waren oder sind.

Celle, die „alte Herzogsstadt am Rand der Heide“ – auf den ersten Blick wird sie dominiert von Fachwerkhäusern und Schloss. Kaum ist heute noch zu erahnen, dass hier seit Jahrhunderten Militär stationiert war, daß Celle Standort einer Garnison war und ist. Und doch: gesellschaftlich wie wirtschaftlich prägte der „bunte Rock“ jahrhundertelang das Stadtbild. Celles lange Geschichte als Garnisonstadt begann nach heutigem Wissensstand in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Denn während des Mittelalters und zu Beginn der Frühen Neuzeit lag die Verteidigung der Residenzstadt noch in den Händen eines nur im Falle eines feindlichen Angriffs mobilisierten Aufgebots ihrer Bürger. Erst im Jahr 1626, mitten im großen „Dreißigjährigen Krieg“ (1618-1648), übernahmen Soldaten des Herzogs die Verantwortung für den Torwachtdienst von der Bürgerschaft – und wurden als erste permanent aktive („stehende“) Truppe am Ort die früheste bekannte Garnison der Stadt.

Mit dem Erlöschen des hiesigen Zweiges des Welfenhauses fiel das Fürstentum Lüneburg mitsamt seiner Residenzstadt Celle im Jahr 1705 an das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg. Fortan lagen daher wechselnde Truppen des Herrscherhauses Hannover (Der Kurfürst war in dieser Zeit in Personalunion zugleich britischer König) in der Stadt. Das bekannteste von ihnen war sicher das Kavallerie-Regiment Herzog-von-Cambridge-Dragoner. Infolge der kampflosen Kapitulation 1803 wurde das Heer des Kurfürstentums aufgelöst, sein Gebiet, und damit auch Celle, besetzten französische Truppen, ab 1807 ging es dann im von Napoleons Bruder Jerôme regierten französischen Satellitenstaat „Königreich Westphalen“ auf. Erst nach der Vertreibung der Franzosen im Zuge der so genannten „Befreiungskriege“ 1813 durch kurzzeitig auch in Celle garnisonierende Preußen und Russen erhielt das Land auf dem Wiener Kongress 1814 seine Souveränität als „Königreich Hannover“ unter welfischer Herrschaft wieder, nun waren wieder Truppen aus Landeskindern am Ort stationiert.

Nach dem für Hannover unglücklichen Ausgang des „Deutschen Krieges“ gegen Preußen (Sein König hatte sich auf Seiten Bayerns und Österreichs gestellt) wurde das Gebiet des Königreichs 1866 von der Hohenzollernmonarchie annektiert. Schon am Ende dieses schicksalhaften Jahres wurden preußische Truppen in Celle stationiert. Um 1890 etwa waren, bei nicht ganz 19.000 Einwohnern, ständig gut 2000 Mann am Ort. Von diesen Einheiten hinterließ insbesondere das seit 1871 in der Stadt liegende, seit 1872 dann in der „Großen Infanteriekaserne“ (ab 1938 „Heide-Kaserne“, heute das Neue Rathaus) einquartierte 2. Hannoversche Infanterie-Regiment Nr. 77 (auch „Heideregiment“ genannt) Spuren am Ort.

Im Ersten Weltkrieg (1914-18) wurden diverse Verbände in Celle und auf den Truppenübungsplätzen der Umgebung aufgestellt, daneben existierten ausgedehnte Kriegsgefangenenlager – unter anderem im Schloss. Die deutsche Niederlage von 1918 hatte dann einschneidende Folgen auch für die Garnison Celle. Infolge des Friedens von Versailles wurden zügig praktisch sämtliche hier beheimateten Verbände aufgelöst. Während der unruhigen, durch Umsturzversuche von links wie rechts geprägten Zeit 1918-1923 lagen dann nur noch wenige Rumpftruppen des „Friedensheeres“ sowie phasenweise Freikorps (rechtsgerichtete, republikfeindliche Freiwilligeneinheiten) in der Stadt. Zu Beginn des Jahres 1933 hatte sich der Umfang der  Reichswehrtruppen kaum wieder erhöht: ein Ausbildungs-Bataillon und eine Fahr-Abteilung zählten zusammen nur rund 300 Mann.

Schlagartig änderte sich dies mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933. Die von diesen forcierte Wiedereinführung der Wehrpflicht sowie massive Vergrößerung und Aufrüstung der Reichswehr (ab 1935 „Wehrmacht“) brachten in den Folgejahren einige der modernsten Waffengattungen der deutschen Streitkräfte in die Allerstadt.  So bezogen die Heeresgasschutzschule und die Nebel-Lehr- und Versuchsabteilung (Tarnbezeichnungen) neu errichtete Kasernen im Norden des Stadtgebietes. Hinzu kam der Fliegerhorst der Luftwaffe in Wietzenbruch. Zusammen mit einem Infanteriebataillon und einer Artillerieabteilung zählte die Celler Garnison im Sommer 1939 mehr als 3000 Soldaten. Teile der Garnison waren dann auch gleich zu Beginn des 2. Weltkrieges am Überfall auf Polen beteiligt und standen bis 1945 im Kampfeinsatz.

Celle blieb weitgehend von den Auswirkungen des Krieges verschont. Zwei alliierte Bombenangriffe richteten aber größere Zerstörungen im Stadtgebiet an, obwohl sie in erster Linie die Bahnanlagen zum Ziel hatten. Der zweite Angriff forderte zudem Opfer unter der Zivilbevölkerung. Bei diesem, am 8. April 1945, befand sich auf dem Celler Bahnhof auch ein Zug mit ca. 3400 KZ-Häftlingen, die unter Bewachung nach Bergen-Belsen transportiert werden sollten. Wenigstens mehrere hundert von ihnen kamen im Laufe des Angriffs ums Leben. Vielen anderen gelang im Chaos zwar die Flucht, sie wurden jedoch in der Folge durch SS, SA, Volkssturm, Celler Bürger und auch durch auf Befehl des Stadtkommandanten handelnde Soldaten der Garnison wieder zusammengetrieben. Mindestens 170 von ihnen wurden dabei ermordet, die Überlebenden, soweit gehfähig, von den Wachmannschaften weiter getrieben.

Eine noch größere Zerstörung Celles blieb aus, die Stadt wurde am 12. April 1945 zügig von britischen Truppen eingenommen. Diese fanden nun, vor allem in Nebengebäuden der Heidekaserne, insgesamt ca. 300 von ihren Bewachern zurückgelassene, unterernährte und teils verwundete Überlebende des Massakers vor.

Eine deutsche Garnison existierte in Celle nach dem Zweiten Weltkrieg in Ermangelung deutscher Streitkräfte zunächst nicht. Stattdessen blieben britische Einheiten vor Ort, wurde Celle britische Garnisonstadt. Nun begann eine neue Phase der Stadtgeschichte, in der sich die Besatzer von 1945 langsam aber stetig in jene alten Bekannten verwandelten, deren Letzte im Sommer 2012, nach 67 Jahren, die Stadt als Freunde wieder verließen.

Hinzu kamen im Jahr 1956 Einheiten der neu gegründeten Bundeswehr. Infolge des massiven Truppenabbaus zunächst der 1990er und später der 2000er Jahre sind aber auch diese mittlerweile wieder weitestgehend aus dem Stadtbild verschwunden. Dennoch ist festzustellen, dass Celle seit mehr als 385 Jahren, von Unterbrechungen abgesehen, Garnisonstadt war und, wenn auch mit deutlichen Einschränkungen, heute noch ist. Die jeweiligen Garnisonen prägten dabei das äußere Erscheinungsbild der Stadt wesentlich mit und waren ein wichtiger Faktor ihrer gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Entwicklung. Diese Geschichte(n) bewahrt, erforscht und vermittelt das Celler Garnison-Museum.

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Von der Aufklärungsversuchsgruppe zur Drohnen Lehr- u. Versuchsstaffel: Celle als deutsche Wiege der unbemannten Luftaufklärung mit Drohnen. Von OTL a.d. Karl Geiger (Celle) | PDF, 499 KB